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JUL, Wintersonnenwende, zwischen den Jahren

Foto: Ausschnitt aus dem Julblatt des Geschichtenbaumes, Skulptur 2009

Schwarz und dunkel – Stille – Starre – Eiszapfen – Schlaf – Traum – Tod – Leere – unsichtbare Veränderung – glitzerndes Päcklipapier – Wendepunkt – Geburt – Schneewiesen im Mondlicht – Geheimnis im Verborgenen – Zimtsterne – Wunsch – Ahnung – Orangenduft – Kerzenlicht und Strohsterne – Eisblumen

 

 

Dunkelheit

Viele Megalith-Kulturen weisen unterirdische Kulträume auf, die der Erfahrung der Dunkelheit dienten. An einigen Orten ist nachzuweisen, dass an einer bestimmten Stelle der erste Strahl der Wintersonnenwende hineinfiel, z.B. in den Grabkammern von Newgrange in Irland. Offensichtlich ging dem Mittwinterritual eine lange, stille Phase in der Dunkelheit voran.

In der matriarchalen Tradition liegt aller Ursprung in der Dunkelheit, im Schoss der Mutter Erde.

Der Kessel (die Schale) stellt die dunkle Hälfte des Jahres dar.

Symbolisch entspricht er dem Leib der Erde, in deren Inneres sich die Kräfte der hellen Zeit nach der Ernte zurückziehen um sich dort dem schwarzen Verwandlungsprozess zu überlassen. Im Schoss der Erde regieren eigene Gesetze. Zerstörung und Neuwerdung sind nicht mehr zu trennen, die alten Substanzen werden zu Bausteinen des Neuen. Im Kochen und Rühren verbindet sich alles, und manchmal können wir im aufsteigenden Dampf erste Konturen des neuen Jahres erkennen.

Foto: Schlafende Göttin von Malta im Erdtempel, Replik von mir, 2016

 

Jul – Wintersonnenwende – Mittwinter

Der kosmische Wendepunkt ist so zart und geschieht wirklich kaum sichtbar im Verborgenen. Hätten wir keine astronomischen Messgeräte oder Kalender, würden wir von der Sonnenwende kaum etwas spüren.

Riesige Einrichtungen aus der Jungsteinzeit wie der Steinkreis zu Stonehenge zeugen von den astronomischen Leistungen unserer Vorfahren.

 

Rau-Nächte

Wird das Jahr nach Mondmonaten gezählt, entsteht am Ende des Jahres als Differenz zum Sonnenjahr ein Überhang von etwa zwölf Nächten. Dieser Zeit wurde spirituell schon immer besondere Bedeutung zugemessen; es war eine Zeit, die zugleich keine war – weder dem Alten noch dem Neuen zugehörig.

Keine Zeit im Jahr ist so von Sagen und rituellen Bräuchen umwoben wie die zwölf Rauhnächte.

Der Volksmund erzählt viel zu den Raunächten. Zum Beispiel: Alle Räder sollen stillstehen – nicht spinnen (denn die Nornen, die Schicksalsspinnerinnen spinnen zur Zeit unsichtbar die Fäden fürs Neue), nicht mahlen (denn das Schicksalsrad dreht und dreht in diesen Nächten). Besen binden – mit Raunachtsbesen können Krankheitsdämonen und böse Geister aus dem Haus gefegt werden. Träume – in den 12 Raunächten wird das kommende Jahr geträumt (in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember der Januar, in der nächsten Nacht der Februar…). Wegkreuzungen – wer in der Raunacht um Mitternacht eine Wegkreuzung aufsucht, soll sich auf die Zeichen achten, die sich an dieser offenbaren.

In dieser Zeit werden oft Häuser und Ställe ausgeräuchert. Marlis Bader empfiehlt in ihrem Buch Räuchern mit heimischen Kräutern an Jul mit Pflanzen zu räuchern, die die Sonnensignatur in sich tragen: Alant und Johanniskraut, zu Ehren der wiedergeborenen Sonne. Diese Pflanzen haben segnende und antidepressive Wirkung. Ausserdem passen Beifuss, Tannenharz, Myrrhe, Weihrauch und Rose.

 

Man sagt, der Name Rauhnacht stamme von Ruach Rauch Geist.

Vielleicht kommt dieser Name aber auch vom Raunen, weil das Raunen von der Anderwelt her in dieser dunklen Zeit besonders hörbar sein soll. In der Weihenacht um Mitternacht kann man die Tiere im Stall reden hören.

Fru Gaur, die germanische Göttin mit Wolfscharakter, Perchtenläufe im Allgäu, Pelzmartige in Kandersteg, Schmutzli, Wotans Heer, Ubersitz in Meiringen, die Tschäggetu im Lötschental, die schwarze Madonna, auch einer der 3 Könige…

All diese Wesen dienten ursprünglich dazu, uns mit unseren Schattenseiten zu verbinden, einen rituellen Ausdruck zu finden dafür, damit nicht alleine gelassen zu werden, sondern in der Gemeinschaft auch diese Aspekte des menschlichen Daseins auszuleben.

Das ist sinnvolles Brauchtum, also Brauch in seinem Wortsinn: Etwas, das wir brauchen. Mit dem Werten, dem Einteilen in Gut und Böse während der Christianisierung wurden viele Ausdruckweisen dieses dunklen Teiles von uns eingeschränkt, verboten, verdämonisiert, sollen nicht mehr sein!

 

 


Foto: schön si u wüescht tue, Ritual zwischen den Jahren

 

 

Licht


Den Abschluss der Raunächte feiern wir am Dreikönigstag, in Italien Epiphania, die Erscheinung genannt.

 

 

Foto: Spirale im Schnee, gestapft am Neujahrstag 2015

 

zu meinem Ritalverständnis